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Im Interview mit Filmtonmeister und Field Recordist Eckhard Kuchenbecker

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Im Interview mit Filmtonmeister und Field Recordist Eckhard Kuchenbecker

Durch Zufall hat Eckhard Kuchenbecker meinen Blog entdeckt und einen schönen Kommentar zum Tascam iM2 geschrieben. Schnell wurde genetzwerkt und der Austausch über die jeweilige Arbeit führte zu der Idee ein Interview mit Eckhard zu machen. Dies soll auch der Anfang weiterer Gespräche mit deutschsprachigen Field Recordists bilden. Die Amerikanischen Sound Blogs mit Interviews gibt es ja zu genüge ;) .

Eckhard Kuchenbecker bei Unterwasser Aufnahmen in Portugal 2011
© Eckhard Kuchenbecker

Wie kammst du zur Tontechnik und deinem Beruf als Filmtonmeister?

Nach dem Abitur in den Fächern Chemie und Kunst, begann ich als Maler und Zeichner, ein Studium an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und entdeckte dazu die Möglichkeiten der Fotografie, die ein Hauptfach und berufliches Ziel wurde. Nach dem Vordiplom waren auch audiovisuelle Fächer Teil der Ausbildung. Mit Werner Nekes, Professor des neuen Studienganges Film, kam auch Christoph Schlingensief als sein Assistent und unser Dozent für Filmtechnik an die HfG Offenbach. Mit Schlingensief arbeiteten wir an unseren ersten experimentellen Kurz- und seinen künstlerischen Spielfilmen.

War der Einstieg schwer? Hattest du eine Art Lehrmeister an deiner Seite?

Mein Ziel war Fotograf zu werden,- die Dreharbeiten mit Christoph waren immer wieder willkommene kreative Abwechslung und ließen mich die Fotografie zurückstellen. Bei Christoph arbeitet ich als Standfotograf, `Scriptgirl´, Requisiteur, Ausstatter und Szenenbildner, und später als Tonmeister. Vorher lernte ich bei einer Fernsehproduktion für die ich als Ausstatter arbeitete, zufällig meinen ersten Lehrmeister für Ton kennen. Günter Knon aus München war der Filmtonmeister am Set und die Low-Budget-Produktion konnte einen Tonassistenten nicht bezahlen. Ich half ihm in bestimmten Drehsituationen und wurde sein Tonassistent bei der TV-Serie >Derrick<. Nach 6 Wochen waren 2 Folgen im Kasten. Günter hat mir in den ersten Wochen alles Handwerkliche gelehrt, Tips gegeben und Tricks verraten. Bald danach drehte Schlingensief wieder. Er sagte zu mir: “Du warst doch gerade beim Derrick?! Dann kannst Du auch bei mir den Ton machen.”

Er bescheinigte mir nach den Dreharbeiten zu >Mutters Maske<, 1987 ein “goldenes Händchen” im Umgang mit Mikrofon und Nagra und so wurde ich sein Tonmeister für die kommenden Projekte. Dabei traf ich andere Regisseure und Produzenten und konnte die Kontakte nutzen und eine berufliche Existenz aufbauen.

Wie kammst du dann zum Field Recording? War es eher aus beruflichem oder privatem Interesse?

Eine grosse Dokumentation, “Das Ende einer Reise”, auf den Spuren der “Croisière Jaune”, im Landcruiser sollten wir von München nach Hongkong reisen, stand für mich als Tonmeister bevor. Als leidenschaftlicher Fotograf kaufte ich mir zusätzlich eine handliche Mittelformatkamera, um die besonders intensiven Eindrücke und Erlebnisse festhalten zu können. Nach genau 100 erlebnisreichen Tagen und auch etwa 100 belichteten Mittelformatfilmen waren wir zurück.

Den Schock habe ich nicht vergessen. Die Nachricht vom Fotolabor: “Auf den Filmen ist nix drauf”, traf mich wie ein Schlag. Nach so einer erlebnisreichen Reise, die Erinnerungen daran nicht auf eine Leinwand werfen zu können, das war für mich nicht auszuhalten und meine weiteren tausend Kleinbild-Dias waren Anfangs überhaupt keine Entschädigung für den Verlust der ´6 x 4,5cm Bilder´.

Aber ich entdeckte die Erinnerungen in den Geräuschen und Atmosphären wieder, die ich während der Reise aufgenommen hatte und später für den Schneideraum überspielte. Zu jeder Tages und Nachtzeit hatte ich unsere Reise mit meinen Mikrofonen dokumentiert. Es faszinierte mich damals zum erstenmal auch Stereo aufnehmen zu können und Nachts aus Hotelzimmern heraus noch nie gehörte Klangkulissen aufzunehmen. Ich merkte, wie detailliert beim Hören der vor Wochen und Monaten selbst aufgenommenen Töne, jede Sinneswahrnehmung wieder spürbar wurde. Ich empfand beim Wiederhören, Hitze und Kälte, sogar Geruch und sah wie in einem Film alles wieder genau vor mir.

Diese Ausdruckskraft von Klängen und Geräuschen wahrzunehmen, liess mich beginnen, Töne gezielt aufzunehmen und sammeln. Es gab die ersten DAT-Rekorder und die Möglichkeit diese Aufnahmen am Computer zu bearbeiten. Ich fing an ein erstes Ton-Archiv anzulegen und Geräusche auch zu beschreiben. Wenn ich nach Dreharbeiten, zusätzlich zu den Original-Tönen passende Atmosphären aus meinem eigenen Archiv in die Schneideräume lieferte, bestärkten mich die Tongestalter darin, mein Archiv weiter auszubauen.

Eckhard Kuchenbecker bei Schneesturm Aufnahmen, für den Film Nanga Parbat, auf dem Ortler 2009
© Eckhard Kuchenbecker

Liebst du es für deine Aufnahmen raus zu gehen und in der Natur rumzuwildern? Oder siehst du diese Aufgabe eher als Arbeit an?

Beides. Die meisten Aufnahmen müssen in irgendeiner Form geplant werden. Wenn ich mit grossem Technikaufwand Surround-Landschaften einfange, dann benötige ich mein Fahrzeug und eben auch Durchfahrtsgenemigungen der Forstämter, Schlüssel für Waldweg-Schranken usw.. In Industriegebieten, öffentlichen Gebäude, Flughäfen, Häfen, ist eine Aufnahmegenehmigung hilfreich, wenn nicht sogar erforderlich. Selbst das Organisatorische gehört für mich zu den Erlebnissen der Tonaufnahme dazu. Wenn ich, wie vor kurzem, mit Hydrophonen unterwegs bin, um unter Eisflächen Klänge aufzunehmen, dann ist schon die Vorbereitung, mit Spitzhacke auf zugefrorenen Seen ein Erlebnis. Oft bringt man gar nicht die erhofften Töne mit nach Hause – aber das Erlebte schon. Oft ist es ein intensives Naturerlebnis, oder ein gemeinschafliches Erlebnis, wenn eines meiner Kinder mich begleitet.

Ich kann Stunden und Tage mit Aufnahmen verbringen und dies auch geniessen. Manche Aufnahmen erforden langfristige Vorbereitungen und Stunden am Aufnahmeort, um ein paar Minuten Klang einzufangen. Natürlich gibt es auch die spontanen Aufnahmen von zufälligen Ereignissen, die später in einem Archiv ebenso wichtig sind wie die zeit- und kostenintensiven Einsätze.

Was für Technik hast du für deine Recordings standartmäßig dabei?

ZoomH4 / Sounddevices 744 / MS / ORTF / AB / Nierenkreuz

Durch meine Haupttätigkeit als Filmtonmeister habe ich mir die ganze Palette professioneller Aufnahmegeräte bis zum Atmos 5.1 von SPL angeschafft, die ich mit meiner Arbeit an Filmproduktionen vermiete. Einen handlichen Zoom H4 Rekorder habe ich fast immer dabei. Er ist in vielen Situationen einsetzbar und macht auch versteckte Aufnahmen in sehr guter Qualität möglich. Wer bei YourSounds z.B. nach >Hermitage< oder >Flughafen Petersburg< sucht, kann sich davon überzeugen. Gar nicht so viel grösser sind die Rekorder der Sounddevices 7er Serie. Bei 2 oder 4 hochqualitativen Aufnahmekanälen, sind es jetzt unterschiedliche Mikrofonierungen, die das Ganze mehr oder weniger aufwendig machen. Eine Schoeps MS-Stereo- oder Doppel-MS- Anordnung ist noch aus einer Hand heraus zu bedienen und auch für Surroundton noch flexibel einzusetzen. Ich habe über Jahre mit Schoeps-Mikros, Niere oder Superniere in Kombination mit einer Acht, klanglich wunderschöne Aufnahmen gesammelt, die auch die Basis für mein erstes Tonarchiv bildeten. Tongestalter in der Filmtonbearbeitung liebten die Möglichkeit der MS-Stereophonie, die Weite des Stereobildes an die Brennweite der Kameraoptik anzugleichen, oder nur das Monosignal zu verwenden. XY- oder ORTF- Aufnahmetechniken legen das Stereobild fest und sind im Korrelationsverhalten oft schwierig.

Auch Hörgewohnheiten verändern sich und neue Aufnahmetechniken intensivieren das Zuhören. Die AB- oder Laufzeitstereofonie wurde lange Zeit nicht so richtig ernst genommen. Keine fixen Werte für Mikrofonabstand und Winkel zueinander, das kann ja nicht so professionell sein. Heute ist AB bzw. die 4-kanalige Surround-Variante sehr gefragt, um die weite des Kinobildes zu bedienen. Ich bereite gerade Aufnahmen vor, bei denen ich mit 4, bis zu 100m auseinandserstehenden Kugelmikrofonen arbeiten werde.

Du betreibst nebenbei die Seite your-sounds.com, ist es mehr Hobby oder lohnt sich der Aufwand auch finanziell?

- YourSounds ist entstanden aus der Leidenschaft heraus, Geräusche und Atmosphären zu sammeln. Nachdem ich hieraus ein kleines Archiv zusammengestellt hatte, arbeitete ich mit der Firma Sonoton Music GmbH & Co. KG zusammen und produzierte die ersten 40 der heute 52 CDs umfassenden “Sonospheres”. Mit YourSounds setzte ich diese Arbeit unter eigenem Namen fort und nutze das Internet um qualitativ hochwertige Tonaufnahmen international anzubieten. Es muß wohl ein Hobby sein, denn finanziel lohnen tut sich der Aufwand noch lange nicht. Aber das wird sich ändern, wenn die Zahl angebotener Töne grösser geworden ist.

- http://www.your-sounds.com ist ein Online-Geräuscharchiv. Nicht nur selbst poduzierte Töne, sondern auch die von Anderen werden hier zum Downloaden angeboten. Mit dem Kauf der Geräusche erwirbt der Kunde auch das Nutzungsrecht für die wiederholte Verwendung in kommerziellen Produktionen. In ein paar Jahren sollen die, die Geräusche benötigen, erstmal bei YourSounds reinschauen bevor sie in anderen Soundlibraries weitersuchen.

Wenn du könntest, was würdest du im Sound-Business verändern?

- Dem Originalton und der Klangperspektive im Film wieder mehr Stellenwert geben.

Ich glaube, dass Veränderungen in diese Richtung aus sich selbst heraus stattfinden werden und dass sie schon begonnen haben. Die vielzitierten Worte von G. Lukas, dass 50% der emotionalen Wahrnehmung eines Kinofilmes über den Ton funktionieren, wurde zu einer Zeit gesagt, als das Bild noch als authentisch galt. Der Satz, mit dem er sich vor der MPSE (Motion Picture Sound Editors) für den Preis für seine Leistungen und die seiner 1987 gegründeten Skywalker Sound bedankte, geht noch weiter.

“Sound is 50 percent of the moviegoing experience, and I’ve always believed audiences are moved and excited by what they hear in my movies at least as much as by what they see.”

Also sagt er, dass die Tonebene eines Filmes, er bezieht sich dabei auf seine eigenen Filme, zu mehr als der Hälfte, zur emotionalen Wahrnehmung des Zuschauers beitragen kann.

Was ist denn Kino? Wenn hinter einem sich die Tür schließt, im abgedunkelten Raum ein Vorhang auseinanderzieht und den Blick durch ein Fenster in eine andere Zeit und Welt öffnet. Der Zuschauer soll glauben was er da sieht? In einem Trickfilm ist z.B. nichts echt. Der Glaube an eine Geschichte entsteht beim Zuschauer durch die authentische Sprache der gezeichneten Figuren. “Echte” Schauspieler geben mit ihrer Stimme den Figuren Emotionalität und dem Zuschauer die Möglichkeit mitzufühlen. Im Spielfilmbereich, gerade bei großen Produktionen wird es immer schwieriger authentischen Originalton der dort “echten” Schauspieler in die Mischung zu bringen. In der Synchronisation, Monate nach den Dreharbeiten, den richtigen Ausdruck zu reproduzieren ist schwierig, aufwendig und nicht immer gelingt es. Deshalb liebe ich die Arbeit an den kleineren, oft Low-Budget Produktionen. Eine aufwendige Nachbearbeitung ist finanziell gar nicht drin und am Drehort auch einen brauchbaren Ton herzustellen ist hier viel wichtiger. Ein aktueller Film bei dem ich dabeisein konnte heisst “Die Farbe des Ozeans”. In dem Film von Maggie Peren, der im Mai in den Kinos startet, wird dank großartiger Schauspieler die emotionale Kraft von Originalton sichtbar hörbar.

1991 “Das Ende einer Reise”
© Eckhard Kuchenbecker

Vielen Dank an Eckhard Kuchenbecker für dieses Interview. Das nächste Interview führe ich mit dem Fotografen, Blogger und Field Recordist Frank Müller.

Links zu Eckhard Kuchenbecker und Your-Sounds: Facebook / Webseite

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Über KLANGDIEB

Ich bin ein Sound Designer, Field Recordist, Geräuschemacher, Geräuschesammler und Autor! Ich sitze in Leipzig und suche nach allem was das Ohr berührt!

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